DIGITAL DENKEN – Der Stand der Digitalen Transformation

24. Oktober 2018 | News & Presse

Kein Zweifel, mit der Digitalisierung hat ein neues Kapitel in der Menschheitsgeschichte begonnen. Das sieht auch der Historiker Andreas Rödder so. Ganz wissenschaftlich nüchtern zieht er Parallelen zwischen der digitalen Transformation der Gegenwart und der Industrialisierung im 19. Jahrhundert angesichts „einer scheinbar richtungslosen Beschleunigung und der Unkalkulierbarkeit der Entwicklung. Die Zukunft ist offen, man kann nicht erwarten, dass sie einfach die Gegenwart fortsetzt.“ Damit rechnet auch Professor Franz Vallée nicht. Für den Logistikexperten der Fachhochschule (FH) Münster und Sprecher des neuen Instituts für Prozessmanagement und Digitale Transformation (IPD) steht fest, „dass sich viele Branchen in nächster Zeit dramatisch wandeln werden“. Konkret wird er in dem Wirtschaftsbereich, wo er sich am besten auskennt, in der Logistik. Hier erwartet Vallée, dass sich in vielen Bereichen die Geschäftsmodelle in den nächsten fünf Jahren wandeln werden und diese daher zu überprüfen sind. Dennoch nervt ihn das „Buzzword-Bingo“, das die digitale Transformation umgibt, zumal die wenig kenntnisreiche Verwendung von Schlagwörtern häufig dazu diene, Angst zu schüren.

Angst vor Digitalisierung

Tatsächlich ist die Digitalisierung verbunden mit der Angst vor dem Verlust der gesellschaftlichen Kontrolle über das Neue. Es gibt eine weit verbreitete Skepsis, ob die Menschheit die globalen Trends und Techniken noch kontrollieren kann. „Es ist schwer zu überschätzen“, meint der Frankfurter Publizist und Unternehmensberater Alexander Horn, „wie tief die Vorbehalte gegenüber gesellschaftsverändernden oder gar disruptiven Technologien inzwischen in der westlichen Kultur verwurzelt sind“. Den Unternehmen geht es da meist nicht anders als den Menschen. Sie befinden sich mitten in diesem gigantischen Umbruch, der manchmal schleichend, manchmal aber sehr plötzlich für Veränderungen sorgt. Und damit für Angst. Mitte des Jahres fragte „Der Spiegel“: „Amerika hat Amazon und Google, China hat Alibaba. Und wir?“ Weltweit agierende Tech-Konzerne aus den USA wie Amazon, Apple und Google geben Monopolisten gleich den digitalen Takt vor. Konzerne, die mit ihren digitalen Angeboten in immer mehr Branchen vordringen und etablierten Unternehmen auch in der letzten Ecke Nord-Westfalens das gewohnte Wirtschaften und Handeln schwermachen können.Vor zehn Jahren hießen die wertvollsten Unternehmen der Welt noch PetroChina, Gazprom oder Exxon Mobil. Heute sind sieben der zehn großen Unternehmen der Welt digitale Marktplätze, sogenannte Plattformen. Die erfolgreichsten Geschäftsmodelle im digitalen Zeitalter fußen auf diesen Plattformen, die quasi über Nacht wie aus dem Nichts aufgetaucht sind und bislang erfolgreiche Wertschöpfungsketten auf breiter Front unterlaufen haben – Unterkünfte vermitteln wie Airbnb, Mobilität und Transport anbieten wie Uber oder Reisen offerieren wie booking.com. Und das alles, ohne eigene Unterkünfte, Laster und Autos oder Flugzeuge zu besitzen.

Plattformen gehört die Zukunft

Die Zukunft scheint solchen Plattformen zu gehören, die davon leben, zwischen Anbietern und Nachfragern zu vermitteln. Und zwar direkt und global. Sie schieben sich zwischen Hersteller und Kunden, holen sich deren Daten und auch einen großen Teil der Erträge. Produktionsunternehmen könnten zu besseren Zulieferern und damit austauschbar werden, ist eine nicht unbegründete Furcht. Amazons Plattform Marketplace ist ein gutes Beispiel, wird sie doch längst auch von vielen Unternehmen genutzt, um Kunden dort Produkte anzubieten. Mit Artikeln von Drittverkäufern setzt Amazon heute fast 32 Milliarden Dollar um. Experten sprechen aber von einer gefährlichen Abhängigkeit. Denn die Unternehmen können bei dem Umweg über Amazons Plattform den Kontakt zum Kunden verlieren. Der Trend zu Plattformen geht selbst an Berufen wie Steuerberatern und Wirtschaftsprüfern nicht vorbei. Die Datev ist die Steuerberatergenossenschaft, die bis Mitte dieses Jahres die Branche in erster Linie mit Spezialsoftware und IT-Dienstleistungen für Steuerberater und ihre gewerblichen Mandanten versorgte. Künftig macht sie nun per App für Millionen deutscher Steuerbürger auch ein Plattformangebot – an ihren Mitgliedern vorbei, aber mit deren Zustimmung, bevor es ein anderes Unternehmen macht. Apropos Apps: Sie sind wohl der sichtbarste Ausdruck der Digitalisierung und allgegenwärtig. Allein bei Apple gibt es rund 2,2 Millionen Apps. Im Playstore bei Google sind es derzeit rund 3,3 Millionen. Was nur wenige wissen: Einer der führenden Produzenten dieser Apps sitzt im Westmünsterland. Das Unternehmen Tobit ist nach eigenen Angaben inzwischen der größte App-Hersteller der Welt. Zigtausende Unternehmen, Organisationen und Vereine nutzen eine App aus Ahaus, wie Gründer Tobias Groten stolz verkündet. Neben Tobit gibt es gerade im Westmünsterland viele weitere erfolgreiche IT-Unternehmen: d.velop und Shopmacher in Gescher oder Shopware in Schöppingen. Natürlich, Unternehmen vom Format „Google & Co“ sind nicht darunter. Aber wer genauer hinschaut, findet unterhalb dieser Ebene großes Potenzial in der IT-Wirtschaft. Nicht zuletzt zeigen schon die regionalen Preisträger des bundesweiten IHK-Wettbewerbs „we do digital“, dass sich derzeit einiges tut, auch wenn sich noch mehr tun muss.

Chancen der Digitalisierung nutzen

Angst ist bekanntlich ohnehin ein schlechter Ratgeber. Als Bollwerk gegen die Digitalisierung taugt sie erst recht nicht, denn sie ist nicht aufzuhalten. Deshalb bleibt nur, die Herausforderung anzunehmen und die Chancen zu nutzen, die die Digitalisierung trotz aller Risiken bietet. „Unternehmen vor allem aus dem Mittelstand müssen die Digitalisierung im eigenen Betrieb stärker vorantreiben, etwa indem sie ihre Geschäftsmodelle weiterentwickeln und neue entwickeln, zum Beispiel in Kooperation mit Start-ups“, schreibt das IW Köln auf seiner Website. Doch da hapert es noch, wie zahlreiche Studien zeigen. Dass vor allem der Mittelstand, „das Rückgrat der Wirtschaft“, einen großen Nachholbedarf bei der Digitalisierung hat, zeigt nachdrücklich der im August vorgestellte „Digitalisierungsindex von KMU in NRW 2018“. Die Studie wurde vom Sparkassenverband Westfalen-Lippe in Auftrag gegeben und ist eine Neuauflage einer Untersuchung des NRW-Wirtschaftsministeriums von 2017. Laut der aktuellen Studie sind die Unternehmen in Nordrhein-Westfalen im Durchschnitt nur wenig digitalisiert. „Wer den Anschluss verpasst, muss damit rechnen, teures Lehrgeld zu bezahlen“, warnte deshalb Liane Buchholz, Präsidentin des Sparkassenverbands Westfalen-Lippe. Sie wies auf „erhebliche Unterschiede zwischen großen und kleinen Unternehmen“ hin und wertet den Digitalisierungsindex als „ein wichtiges Instrument“, der es ermögliche, „Unternehmen auf dem weiteren Digitalisierungsweg gezielt zu begleiten“. Eine prägnante Zusammenfassung der Studie lieferte einer der Autoren: „Der NRW-Mittelstand digitalisiert evolutionär und nicht revolutionär“, sagte Volker Wittberg, Professor der Bielefelder Fachhochschule des Mittelstands. Um das Tempo der digitalen Transformation zu erhöhen, erhöht die Landesregierung ihre Unterstützung für die Unternehmen. IHK-Hauptgeschäftsführer Dr. Fritz Jaeckel hofft, dass die Betriebe im Münsterland und in der Emscher-Lippe-Region „die neuen Fördermöglichkeiten nutzen, um ihre Wettbewerbsfähigkeit zu stärken“. Das Fördergeld sei jedenfalls gut und richtig angelegt, „denn die Digitalisierung liefert das Fundament, auf dem das wirtschaftliche Wachstum der Zukunft entsteht“. Es sei auch richtig, die Qualifizierung der Mitarbeiter stärker zu fördern. „Es darf dabei aber nicht nur darum gehen, Arbeitsprozesse zu automatisieren“, sagte Jaeckel. Digitalisierung sei mehr als die Vernetzung von Maschinen und Fabriken zur Effizienzsteigerung. „Bevor es andere tun, muss jeder Unternehmer sein Geschäftsmodell auf den Prüfstand stellen“ und sich fragen, ob sich das Geschäft auch anders betreiben lasse, womöglich von einer zentralen Internetplattform aus. Auch für Antworten auf solche Fragen müssten die Unternehmer und ihre Mitarbeiter geschult werden.

 

Veröffentlicht im IHK Wirtschaftsspiegel 10/2018, S.14-16, Verfasser: Werner Hinse. Direktlink zum Beitrag.

Weiterbildung und Ringvorlesung

Eine Weiterbildung für Führungskräfte und Mitarbeiter von Unternehmen, die einen Überblick über digitale Transformation erhalten wollen und sollen, gibt es beim Institut für Prozessmanagement und Digitale Transformation (IPD) der Fachhochschule Münster. An sechs Terminen vom 10. Oktober 2018 bis Ende Januar 2019 bietet das Institut eine praxisnahe Weiterbildung an. Zusätzlich gibt es ab 8. November 2018 jeden Donnerstag ab 16.30 Uhr eine Ringvorlesung zum Thema New Work: wie die digitale Transformation die Arbeitswelt verändert.

www.fh-muenster.de/ipd

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