Indien: Wieso Kirana Stores den Einzelhandel dominieren

19. Februar 2019 | Blog, Logistik

Deutschlands Lebensmittel-Einzelhandel ist hoch konzentriert

Welche Optionen bieten sich Ihnen zum Einkaufen innerhalb von fünf bis zehn Fahrminuten? Oft stehen mindestens ein Rewe oder Edeka sowie ein Lidl oder Aldi zur Auswahl. Sie können sich aussuchen, welcher Supermarkt für Sie am besten erreichbar ist, wo es Ihren Lieblings-Käse und vielleicht die beste Backstube gibt.

Deutschlands Lebensmittel-Einzelhandel ist hoch konzentriert. Die vier großen Ketten Edeka, Rewe, Aldi sowie die Schwarz-Gruppe (Lidl, Kaufland) teilen 85 % des Lebensmittel Einzelhandelsumsatzes unter sich auf. Wer jedoch den Blick Richtung Indien wendet, stößt auf unerwartete Zahlen: 92 % des Einzelhandelsumsatzes wird durch unorganisierten Handel, d.h. durch Nachbarschaftsläden (in Indien bekannt als Kirana Stores) erzielt. Dabei trägt der unorganisierte Einzelhandel ganze 22 % zum indischen BIP bei.

Es stellt sich die Frage, wie es sein kann, dass das zweitbevölkerungsreichste Land der Erde bis heute in diesem Ausmaß vom unorganisierten Handel geprägt ist. Fast 70 % der über 1,3 Mrd. Inder leben in ländlichen Gebieten und es gibt 23 offizielle Sprachen sowie über 150 Dialekte. Diese Rahmenbedingungen zeigen auf, dass der Aufbau eines organisierten, strukturierten Handels mit hohem Aufwand verbunden wäre.

Logistische und infrastrukturelle Probleme fördern die Kirana Stores

Viele Gründe, weshalb die Nachbarschaftsläden in Indien bis heute ein wichtiger Bestandteil der Gesellschaft sind, sind in den zahlreichen nach wie vor unterentwickelten Regionen Indiens zu finden:

  • Das ÖPNV-System ist schlecht ausgebaut, sodass es schwierig ist, ohne eigenes Auto zu einem weiter weg gelegenen Supermarkt zu gelangen.
  • Jedoch besitzen nur wenige Inder ein Auto, mit welchem sie eine weitere Strecke zum nächsten Supermarkt fahren könnten. Zur Veranschaulichung: In Deutschland besitzen 573 von 1000 Menschen ein Auto. In Indien sind es 10 von 1000.
  • Viele Inder wohnen in kleinen Wohnungen ohne Stauraum und Kühlschrank, welche zur Lagerung benötigt werden.
  • Falls ein Kühlschrank vorhanden ist, besteht trotzdem die Gefahr, dass Lebensmittel verderben, da es häufig zu Stromausfällen kommt.
  • Da die Kirana Stores kleine Kundenstämme haben und in unmittelbarer Nähe zu der Wohnung der Kunden liegen, kennt man sich untereinander. Wenn einmal kein Geld vorhanden ist, können Kurzzeitkredite aufgenommen werden, die bei der nächsten Gehaltszahlung zurückgezahlt werden.
  • Nachbarsjungen bzw. Kinder der Ladenbesitzer fungieren als Lieferjungen und bringendie Einkäufe bis zum Kunden nach Hause.
  • Feilschen und Verhandeln gehört in Indien zur Kultur – im Gegensatz zu großen Einzelhandelsketten ist dies in Kirana Stores möglich.

Kunden aus der unmittelbaren Nachbarschaft

Dadurch, dass Kirana Stores nur Kunden aus der unmittelbaren Nachbarschaft haben, ist ein Wachstum schwierig. Daher lohnt es sich aus Sicht der Store Besitzer weder Technologie noch Merchandising einzuführen oder die Infrastruktur zu verbessern. Zudem würde bei einem Ausbau des Ladens Kapital von Finanzinstitutionen benötigt. Viele Ladenbesitzer sind jedoch nicht willens ein finanzielles Risiko einzugehen, um zu expandieren. Die Stores bleiben also kleine Nachbarschaftsläden, da kaum Initiativen für Innovation oder Wachstum gegeben sind.

Restriktive Handelspolitik in Indien

Über Jahrzehnte verfolgten indische Regierung eine restriktive Handelspolitik. Insbesondere für ausländische Investoren und Unternehmen war es schwierig in Indien zu investieren. Erst mit dem Eintritt in die WTO im Jahr 1995 wurden erste Märkte für ausländisches Kapital geöffnet. Allerdings galt diese Lockerung noch nicht für den Einzelhandel. Erst in den Jahren 2011/2012 gab es eine Einzelhandelsliberalisierung, bei welcher 51% FDI (Foreign Direct Investment, z. Dt. Auslandsdirektinvestitionen) im Ein-Marken-Einzelhandel bzw. Multimarkenhandel erlaubt wurden.

Die Frage, wieso sich Indien mit der Liberalisierung des Handels schwertut, lässt sich unter anderem mit der Macht der Kirana Store Betreiber erklären. Durch die Masse an Kirana Stores in Indien sind diese eine wichtige Zielgruppe, wenn es um Stimmen für Wahlergebnisse geht. Daher haben Regierungen, um ihre Beliebtheit nicht aufs Spiel zu setzen, über Jahre hinweg den Eintritt ausländischer Einzelhandelsketten durch strenge Auflagen so gut wie unmöglich gemacht. Und auch für nationale Unternehmen ist der Aufbau von Einzelhandelsketten schwierig, da die Immobilienkosten in den Metropolregionen unverhältnismäßig hoch sind.

Organisierter Handel auf dem Vormarsch

Doch trotz der bis heute schwierigen Rahmenbedingungen ist der organisierte Handel auch in Indien auf dem Vormarsch. Insbesondere durch bessere Businessmodelle, steigendes Einkommen und sich ändernde demografische Faktoren setzt ein Wandel ein.  2020 wird Indien die jüngste Nation der Welt sein. Die optimierten Businessmodelle, welche einen stärkeren Fokus auf ökonomische Aspekte legen, erzielen höhere Gewinne. Jüngere Inder sind technikaffiner.

Zusätzlich wurde 2016 eine Waren- und Dienstleistungssteuer eingeführt, welche dem organisierten Handel zugutekommt und Kunden der Kirana Stores abwirbt. Kirana Store-Betreiber haben bis zu diesem Zeitpunkt oftmals keine Steuern gezahlt und somit auch nicht an ihre Kunden weitergegeben. Durch die Steuerreform wurden die Preise, welche Kirana Store-Betreiber an ihre Distributoren zahlen müssen, höher. Dadurch steigen auch die Kosten, welche an die Kunden weitergegeben werden. Der organisierte Handel ist durch Skaleneffekte, die durch größere Verkaufsmengen ausgelöst werden, im Vorteil.

E-Commerce als Lösung?

Stationäre Einzelhändler haben mit hohen Immobilienkosten, schlechter Personentransportinfrastruktur sowie hohen Auflagen von Regierungsseite zu kämpfen. Dadurch wurde der Online-Handel in Indien als große Chance gesehen. Obwohl der E-Commerce bislang weniger als 5 % des Einzelhandelsumsatzes ausmacht, wird davon ausgegangen, dass im Jahr 2026 schon 12 % des Retail-Umsatzes durch E-Commerce erzielt wird. Für eine wachsende Bedeutung des E-Commerce-Sektors sprechen auch die Ergebnisse einer Studie von AIMO. Danach sind aufgrund des wachsenden E-Commerce Marktes in Indien zwischen 2014-2018 bereits 3,5 Mio. Jobs im Bereich der kleinen- und mittelständischen Händler verloren gegangen sind, was für eine sinkende Nachfrage im Bereich des stationären Handels spricht.

Ein Gesetz, welches im Dezember 2018 angekündigt wurde und zum 1. Februar 2019 in Kraft treten soll könnte dieses Prozess allerdings einschränken. E-Commerce Anbietern soll es verboten werden Produkte von Unternehmen zu verkaufen, an denen sie Anteile besitzen. Walmart hat beispielsweise Mitte 2018 77 % Anteile an Flipkart, dem größten Konkurrenten Amazons in Indien, gekauf und dürfte aufgrund des neuen Gesetzes mithin seine eigenen Produkte nicht mehr über Flipkart verkaufen.

Eine weitere Neuerung betrifft exklusive Verträge zwischen einzelnen Verkäufern und den E-Commerce Plattformen. Das Geschäftsmodell von Amazon beinhaltet beispielsweise exklusive Deals mit Herstellern, die entweder zu günstigeren Konditionen oder exklusiv auf Amazon ihre Ware verkaufen. Durch das E-Commerce Gesetz müssen die Hersteller ihre Produkte auch über andere indische Plattformen anbieten und Amazon wird dazu verpflichtet allen Händlern dieselben Konditionen zu gewähren.

Wirkung von E-Commerce auf Kirana Stores

Dass die Bekanntgabe und Einführung des Gesetzes nur wenige Monate vor den Parlamentswahlen im Frühjahr 2019 geschehen sind, wird dies wahrscheinlich kein Zufall gewesen sein. Denn unter dem Aufschwung des E-Commerce leiden vor allem die kleinen Retailer und Kirana Store Besitzer. Allerdings wirft dieses Vorgehen die Frage auf, ob sich Indien mit dieser Art der Boykottierung von fortschrittlichen Handelsmethoden nicht langfristig selbst schadet.

Denn viele Inder stehen neuen Technologien offen gegenüber. Es ist zwar so, dass das „Touch-and-Feel“ einen hohen Stellenwert hat und bei teureren, elektronischen Geräten darauf geachtet wird, dass ein stationärer Handel in der Nähe ist, falls es Bedarf an Wartung oder Reparatur gibt. Doch der Omnichannel-Ansatz wird immer wichtiger. So bestellen Inder gerne online und lassen sich ihre Ware ins Geschäft liefern oder schauen sich das Produkt zunächst einmal im stationären Handel an.

Best Practice: Walmart in Indien

Trotz der Hürden, die ausländischen Unternehmen in den Weg gelegt werden, hat Walmart im Jahr 2007 den Sprung nach Indien gewagt. Um die strengen Regelungen zu umgehen, gründete Walmart gemeinsam mit dem indischen Unternehmen Bharti Enterprises das Joint-Venture „Bharti-Walmart“. Die Strategie: Walmart beliefert Bharti Retail, welches die Handels-Tochtergesellschaft von Bharti-Enterprises ist. Bharti Retail sollte die Produkte an Endkonsumenten verkaufen. Walmart war gezwungen diesen Umweg zu gehen, da es ausländischen multinationalen Unternehmen nicht gestattet war Front-End Geschäfte zu eröffnen. Da ausländische multinationale Konzerne allerdings seit 2012 im mehrheitlichen Besitz von Unternehmen in Indien sein dürfen, gehen Walmart und Bharti seit 2013 inzwischen wieder getrennte Wege.   

Im Jahr 2009 wurde der erste Bharti-Walmart Großhandel eröffnet, bis Ende 2018 sind weitere 22 von Walmart kontrollierte Großhandel hinzugekommen. Und es gibt weitere Pläne: Walmart möchte bis 2022 über 500 Mio. $ investieren, um weitere 47 Geschäfte zu eröffnen. Außerdem existieren bereits zwei Fulfillment Center, welche Geschäftskunden die Einkäufe erleichtern, da sie nicht mehr in eine Walmart Filiale kommen müssen, sondern die Waren direkt zu ihrem Geschäft, Restaurant etc. geliefert bekommen. Um von Walmart beliefert werden zu können, muss man Kunde werden. Kunden sind in erster Linie kleine Reseller und Kirana Stores, aber auch Hotels, Restaurants, Firmen und Institutionen.

Anhand dieses Beispiels ist zu sehen, dass auch multinationale Unternehmen in Indien Fuß fassen können – wenn auch unter erschwerten Bedingungen. Die weitere Entwicklung des organisierten Handels hängt daher von verschiedenen Faktoren ab: Einerseits von der Willenskraft internationaler Firmen in Indien zu investieren und andererseits von der Politik der indischen Regierung, welche die Rahmenbedingungen für den Handel setzt.

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