Bargeldloses Bezahlen

12. Februar 2019 | Allgemein, Blog

Bezahlen per Smartphone: In China längst Alltag

Versetzen Sie sich in folgende Situation: Sie gehen auf den Markt und zücken zum Bezahlen Ihres Einkaufs einfach Ihr Smartphone. Damit scannen Sie einen QR Code ein, der auf ein Blatt Papier vor dem Marktstand gedruckt ist und transferieren Ihr Geld per Handy auf das Konto des Marktstandbesitzers.

Während in Deutschland nach wie vor vieles bar gezahlt wird, ist in China das Zahlen per Smartphone bereits absoluter Standard. In dem Land ist es oft gar nicht mehr nötig überhaupt Bargeld zu besitzen. Während im Jahr 2010 noch 61% der Einkäufe bar beglichen wurden, sind es heute nunmehr 37%. Ob Marktbesuch, Mietzahlung, die Fahrt mit der U-Bahn oder gar die Spende im Tempel: Das Handy wird gezückt.

Duopol der digitalen Zahlungsplattformen: WePay und Alipay dominieren chinesischen Markt

Die zwei digitalen Zahlungsplattformen „WePay“ und „Alipay“ dominieren den chinesischen Zahlungsverkehr. Alipay gehört dem Internetriesen Alibaba und ist Teil der Ant Financial Services Gruppe, welche als das derzeit weltweit wertvollste Fintech-Unternehmen gilt. WePay untersteht dem Internetriesen Tencent. Jeder der beiden zählt rund eine halbe Milliarde Kunden und hat einen Börsenwert von über 500 Milliarden US-Dollar.

Alibabas Geschäftsmodell basierte zunächst auf E-Commerce. Auf der E-Commerce Plattform „Taobao“, welche mit Ebay vergleichbar ist, bot Alibaba 2004 zum ersten Mal digitale Zahlungen an (Erfahren Sie mehr zu E-Commerce-Plattformen in China in unseren Beiträgen China I und China II). Fünf Jahre später gelang der Durchbruch mit der Einführung der ersten mobilen Version von Alipay. Der Internetkonzern Tencent dagegen startete als Pendant zu WhatsApp und Facebook, welche beide durch die chinesische Regierung blockiert werden. Das chinesische Gegenangebot WeChat von Tencent wird bereits von fast einer Milliarde Benutzern verwendet, Tendenz steigend.

2.500 Milliarden: Wachstum um den Faktor 20 in wenigen Jahren

Nur neun Monate nach Markteinführung von Alipay zog Tencent nach und brachte Tenpay auf den Markt. Dies war anfangs nur als Bezahlsystem für Musik und Spiele gedacht, wurde allerdings 2013 als digitaler Geldbeutel in die WeChat App integriert. Den Durchbruch erlangte Tenpay allerdings erst mithilfe einer alten Tradition zum chinesischen Neujahrsfest, bei welcher sich die Chinesen gegenseitig „Hongbao“ (mit Geld gefüllte rote Umschläge) schenken. Seit 2014 ist dies über Tenpay digital möglich. Im ersten Jahr wurden lediglich 14 Millionen „Hongbao“ auf diese Weise versandt, im vergangenen Jahr waren es bereits mehr als 14 Milliarden.

Anfangs wickelte Alipay noch 80% der mobilen Transaktionen ab, heute kommt der Bezahldienst, gemessen am Wert der Transaktionen, auf 54% Marktanteil und Tenpay auf 37%. Kleinere Bezahldienste bestreiten den Rest. Bei Tenpay finden sich zwar mehr Kunden, allerdings zahlen die Kunden von Alipay mithilfe des Dienstes auch ihre E-Commerce Einkäufe auf Plattformen wie „Taobao“ und transferieren deshalb durchschnittlich mehr Geld per Transaktion. Der Wert der über Alipay und Tenpay erfolgten Transaktionen hat sich zwischen 2012 und 2016 um den Faktor 20 auf 20.000 Milliarden Yuan erhöht, was circa 2.500 Milliarden Euro sind.

Wo die Bezahldienste überall eingesetzt werden:

Alipay und Tenpay übernehmen heute verschiedenste Finanzdienstleistungen und haben sich damit zu virtuellen Banken entwickelt. Arbeitgeber überweisen den Lohn, Bürger bezahlen ihre Miete und Freunde oder Familien transferieren sich gegenseitig Geld. In Peking können seit 2015 auch Rechnungen für Strom, Wasser und Gas über das Smartphone beglichen werden. Selbst das Fahren mit der U-Bahn, das Leihen eines öffentlichen Fahrrads, das Zahlen von Almosen an Bettler, Trinkgeld an den Kellner, sowie das Spenden für Buddha im Tempel ist über QR-Code Scannung möglich.

Sollte man doch einmal überraschenderweise Bargeld benötigen, genügt der Gang ins nächste Geschäft. Dort kann man per Smartphone dem Betreiber den benötigten Betrag über Alipay oder Tenpay überweisen und bekommt die Münzen ausgezahlt.

Außerdem bietet Ant Financial seit 2013 gemeinsam mit Tianhong Asset Management den Geldmarktfond „Yu’e Bao“ an, was sich als „das Geld, das übriggeblieben ist“ übersetzen lässt. Der Fond ist besonders für Kunden mit geringem Einkommen interessant, welche Zinsen für ihr jederzeit wieder frei verfügbares Gespartes bekommen. Heute zählt „Yu’e Bao“ bereits zu den größten Geldmarktfonds weltweit, und verfügt über mehr als 260 Millionen Kunden sowie über ein Vermögen von 165 Milliarden Dollar.

Alipay, WeChat und Co. erheben zwar kaum Gebühren, legen das bei ihnen geparkte Geld der Kunden allerdings risikoreich an, was eine Gefahr in sich birgt. Sollten das Geschäftsmodell stark unter Druck geraten, bestünde die Möglichkeit, dass alle Kunden auf einmal ihr Geld abheben wollen, was zu Chaos führen würde. Auch die chinesische Zentralbank hat ein Auge auf die Vorgänge geworfen und ließ 2016 eine Clearingstelle zwischen den Bezahlplattformen und dem Bankensystem aufbauen, welche das Risiko kontrollieren soll.

Wie funktioniert das Bezahlen?

Zunächst müssen die Kunden vier Voraussetzungen erfüllen, damit sie Tenpay oder Alipay nutzen können: Sie müssen ein Smartphone und einen Internetzugang haben, sowie die App und ein Bankkonto besitzen. Vor Ort hält der Kunde dem Händler entweder seinen persönlichen QR-Code hin oder scannt den QR-Code des Händlers ein, welcher normalerweise ausgedruckt vor dem Stand hängt.  Anschließend gibt er den gewünschten Betrag ein. Besonders praktisch: Der Händler zahlt für die Bereitstellung des bargeldlosen Zahlens kaum Gebühren.

Die chinesische Zentralbank betont öffentlich, dass der Renminbi ein gesetzliches Zahlungsmittel ist und angenommen werden muss.  Barzahlen kann allerdings bereits heutzutage zur Schwierigkeit werden: Oft haben die Händler einfach kein Wechselgeld.

Wieso konnten sich mobile Zahlungen in China so schnell entwickeln?

Vor zehn Jahren konnte der Prozess, sein Geld von den chinesischen Staatsbanken abzuheben zu wollen, noch sehr nervenauftreibend sein. Da der höchste Wert der Scheine lediglich 100 Yuan (ca. 13 Euro) beträgt, musste jeder, der einen größeren Kauf tätigen wollte riesige Geldbündel mit sich schleppen. Das Land war also sehr rückständig im Kredit- und Debitkarten System, was als Erklärung für die schnelle Entwicklung von mobilen Zahlungssystemen angeführt werden kann. Notgedrungen ist China in Begriff einfach einen Schritt zu überspringen.

Anders als beispielsweise in Deutschland, nehmen die Chinesen neue Technologien generationsübergreifend positiv auf. Die nach 1990 geborenen Jahrgänge sind sehr internetaffin, ständig online und haben stark von Chinas Wirtschaftsboom profitiert. Im Reich der Mitte gibt es bereits 722 Millionen Internetnutzer, 95% von ihnen gehen mit ihrem mobilen Endgerät online.

Die kollektive chinesische Kultur sowie der Umstand, dass Bargeldtransaktionen in Geschäften immer weniger unterstützt werden, bringen auch die älteren Generationen ihre Gewohnheiten rasch zu ändern. Außerdem konzentrieren sich die Chinesen eher auf die Möglichkeiten, die neue Technologien mit sich bringen, als sich mit Sorgen um einen möglichen Datenmissbrauch zu beschäftigen. Doch natürlich sammeln und verarbeiten die Bezahlungsplattform fleißig die Daten der Kunden. Sie wissen, welche Produkte zu welcher Tageszeit von wem gekauft werden und wer Geld an wen transferiert.

Wie sieht die Zukunft aus?

Chinas neue Mittelschicht reist immer mehr ins Ausland, möchte auch dort bequem per Smartphone zahlen und übt damit Einfluss auf die Händler aus. Als erste große Einzelhandelskette in Deutschland hat Rossmann letztes Jahr Alipay eingeführt. In Europa wird Alipay bereits von rund 10.000 Einzelhändlern akzeptiert, davon gut 2.000 in Deutschland. Die Angebote richten sich bisher jedoch ausschließlich an chinesische Touristen und nicht an Europäer.  

Außerdem ist Alibaba am derzeit wertvollsten KI Start-Up „SenseTime“ beteiligt, welches mit Gesichtserkennungstechnologie die Bezahlung in Cafés, Schnellrestaurants und beim Einchecken am Flughafen beschleunigen möchte. Zusätzlich entstehen in China kassen- und personallose Geschäfte wie die Containerstyle-Kleinläden vom Start-up „BingoBox“. Diese sind rund um die Uhr geöffnet und benötigen kein Personal, da sie stattdessen mit QR-Codes und Gesichtserkennungstechnologie arbeiten. Derzeit plant Ford in Kooperation mit Alibaba seine PKW aus einem Automaten heraus zu verkaufen. Das Ganze würde so funktionieren, dass die Kunden ein Modell auswählen, elektronisch eine Kaution hinterlegen und ein Selfie schicken, damit der Automat sie bei der Abholung erkennt.

Ein weiterer Schachzug von Alibaba und Tencent sind die „Super-Apps“, also Apps vom gleichen Anbieter, die fast jeden Bereich des täglichen Lebens umfassen. Zu Alipay gehören bereits 90 Apps, welche unter anderem die Bereiche Finanzen, Gesundheit, Nachrichten, Spiele, Essen, Versicherungen, Kommunikation und Einkaufen umfassen. Der Nutzer hat also kaum noch Grund, außerhalb der „Super-App“ zu kaufen oder zu kommunizieren.

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